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<title>Makro und mehr</title>
<link>http://oekonomie.blogg.de/</link>
<description>Harald Uhligs Ökonomie-Blog</description>
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<lastBuildDate>Sat, 13 Feb 2010 01:19:49 +0100</lastBuildDate>
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<title>Eine Griechische Tragödie.</title>
<link>http://oekonomie.blogg.de/eintrag.php?id=78</link>
<description><![CDATA[Werden die europäischen Finanzminister am Montag einen großen Fehler begehen?  Oder findet sich doch noch ein gesichtswahrender Ausweg aus dem “Rettet Griechenland!”-Beschluß vom Donnerstag? Findet sich doch noch ein Weg, die Griechen ein (relativ kleines) griechisches Problem selbst lösen  oder durchstehen zu lassen – anstatt daraus ein vermeintliches Euro-Problem zu machen und damit erheblich größere Finanzkrisen in der Zukunft auf den Weg zu bringen?  Das wäre in der Tat eine griechische Tragödie.<br />
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Einst wurden in Maastricht und danach weise Regeln geschaffen.  Die Europäische Zentralbank darf nicht die Schuldenprobleme der Mitgliedsländer durch Gelddrucken lösen.  Und mehr noch: die Länder sollen sich auch untereinandern nicht bei ihren Schuldenproblemen helfen.  Und damit die Versuchung erst gar nicht besteht, sollen Länder die Obergrenze von 60% Schulden zu Bruttosozialprodukt und 3% Defizit zu Bruttosozialprodukt einhalten: sonst erhält es eine öffentliche Abmahnung.<br />
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Regeln sind gut, sind wichtig.  Sie sind zentral für die ordentliche Funktion der Finanzmärkte und der Wirtschaft im Allgemeinen.  Wenn klar ist, wo die Risiken sind und wer sie trägt, dann werden Investoren ihre Aufgabe machen, und diese Risiken vernünftig abwägen.  Dann werden diejenigen, die diese Risiken verursachen könnten, schon im Vorfeld möglicherweise unangenehme Anpassungprozesse vornehmen, um diese Risiken zu vermeiden.  Kommt es dennoch zu Verlusten, dann werden sie von denen getragen, die von vorneherein verantwortlich waren oder sich darauf eingelassen haben. Niemand sonst muß Verluste fürchten. Dann bleiben Finanzmärkte stabil.  Dann gibt es zumindest eine gute Chance, Finanzkrisen zu vermeiden.  <br />
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Wie also erzeugt man Finanzkrisen? Was ist das allerbeste Rezept dafür?  Na klar: indem man gute Regeln bis zur Unkenntlichkeit verbiegt und schließlich bei erster Gelegenheit zum Fenster hinausschmeißt.  Indem man Verlässlichkeit aufgibt.  Indem man jedem der ruft, Geld hinterherwirft – und damit deutlich zeigt, daß sich unverantwortliches Handeln lohnt (“moral hazard”).   Am Montag also werden wir erfahren, ob die Finanzmininster der Euro-Zone einknicken und beschließen werden, daß sie massive Finanzkrisen der Zukunft wollen oder ob sie doch noch die Kraft haben, eine kleine Finanzkrise in Griechenland durchzustehen.  Das ist die wirkliche Entscheidung, die ansteht.<br />
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Erinnern wir uns ein wenig.  Das erste Land, das eine Abmahnung unter dem Stabilitäts- und Wachstumpakt bekam, war Irland – weil es ein zu geringes Defizit aufwies und seine Staatsschulden zu schnell abbaute!!  Wissen Sie das noch?  Ein Schildbürgerstreich schon damals – hätte man Irland doch damals nur gelassen!  Aber vorbei.<br />
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Die nächsten Länder, die abgemahnt hätten werden müssen, waren Deutschland und Frankreich.  Das geschah nicht, die Regeln wurden verbogen.  Schon damals haben viele vor dem “moral hazard” gewarnt, der sich daraus ergibt: wenn sich Deutschland und Frankreich nicht daran halten müssen, warum dann zum Beispiel Portugal, Spanien und Griechenland?  Verwundert es da noch irgendjemand, daß der Schuldenstand in der Euro-Zone inzwischen bei fast 78% steht – weit entfernt von dem 60% Ziel?<br />
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Nun also Griechenland.  Das Bruttosozialprodukt von Griechenland beträgt weniger als 3% der Eurozone (16 Länder).  Die Schulden Griechenlands betragen weniger als 4% der Eurozone-Staatsschulden.  Wie, genau, soll denn nun ein griechischer Staatsbankrott den Euro zu Fall bringen, beispielsweise?  Es gibt drei Argumente, und alle vier sind nicht plausibel.<br />
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Das erste Argument ist technisch.  Die Europäische Zentralbank nimmt Eurozonen-Staatspapiere als Sicherheiten in ihren Repo-Geschäften mit Banken an, auch griechische.  Wenn nun sowohl Griechenland als auch die Bank bankrott erklärt, bleibt die EZB auf den Verlusten sitzen und hat ein Problem.  Aber dieses Problem ist leicht zu lösen: die EZB muß lediglich erklären, daß griechische Papiere nicht mehr für Repo-Geschäfte verwendet werden können.  Politisch trickreich vielleicht – aber eine Mücke verglichen mit dem Elefant einer großen Griechenland-Schulden-Rettung.<br />
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Das zweite Argument ist analytisch.  Gelddrucken, um die Staatsschulden Griechenlands zu zahlen, und damit eine Verursachung von Euro-Inflation: davon geht niemand aus.  Aber es gibt einen anderen Mechanismus, die Fiskaltheorie des Preisniveaus (“fiscal theory of the price level”), erklärt in Arbeiten von Leeper, Woodford, Cochrane, Sims und anderen.  Die wesentliche Idee: Staatsschulden plus Geld werden durch zukünftige Steuereinnahmen gedeckt.  Sinken die, so sinkt der Realwert der Papiere.  Eine Möglichkeit ist: Inflation.  Ok.  Nur: das hilft uns in dieser Situation nicht sehr weit.  Die griechischen Staatsschulden sind nur ein kleiner Bruchteil der gesamten Euro-Zone Staatsschulden.  Man kann rechnen, wie man will: es ist schwer, hieraus einen irgendwie nennenswerten Inflationsdruck herauszulesen.  Übrigens: der Euro hat zwar ein wenig gewackelt.  Aber die Bewegung ist von einer Größenordnung, bei der die EZB normalerweise bei Nachfrage “no comment” sagen würde – warum also jetzt diese Aufregung?<br />
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Das dritte Argument ist, sagen wir, medizinisch: die Gefahr einer Ansteckung.  Die asiatische Finanzkrise Ende der 90er Jahre begann in Thailand, und verbreitete sich dann schnell nach Indonesien, Südkorea,  Hong Kong, Malaysia, Laos und die Phillipinen.  Oder: in den USA sind alle Toyotas im Wiederverkaufswert gefallen, nicht nur die, die von dem offiziellen “recall” betroffen sind.  Es ist viel von führenden Wissenschaftlern zur asiatischen Finanzkrise geschrieben worden: die Einsichten dort sind wichtig für die Ereignisse jetzt.  Ganz sicherlich haben die Beamten und Staatssekretäre in den Finanzministerien diese Literatur eingehend studiert, oder?  Oder herrscht dort (wie ich immer wieder fürchte) gähnende Ahnungslosigkeit?  Irgendwer?  Jedenfalls: wenn das eigentliche Problem hier nicht Griechenland ist, sondern stattdessen Portugal, Spanien, Irland und die Furcht, daß es dort zu einer Investor-Stampede kommt, welche Schulden soll man dann wohl garantieren?  Für den, der nicht gleich drauf kommt: nein, nicht Griechenland.  Wenn also die Finanzminister am Montag beschließen, daß es jetzt vor allem darum geht, Portugal, Spanien und Irland zu stabilisieren, und mit diesen Ländern klare Vereinbarung im Vorfeld zu schließen, welchen Preis eine europäische Garantie hat, dann wären wir alle ein gutes Stück weiter.  In dem Zusammenhang haben die Finanbeamten auch sicherlich die Papiere von Cole und Kehoe gelesen, zum Beispiel “"A self-fulfilling model of Mexico's 1994-95 debt crisis," JIE 1996, oder “Self-Fulfiling Debt Crises”, Review of Economic Studies 2000.  Daraus ergeben sich interessante Politik-Implikationen, wie zukünftige Garantieren gegenwärtige Investoren-Stampeden und Staatsbankrotte vermeiden können (und, ja, man kann hieraus auch ein Argument für Griechenland stricken, mit viel Vorsicht).  Wo aber sind die Verweise der politischen Instanzen auf diese Einsichten der Wissenschaft in die Dynamik der Finankrisen?  <br />
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Das vierte Argument ist fürsorglich: all-umfassende Fürsorge für alle, die bankrott gehen könnten!  Ungefähr so: “Die Amerikaner haben doch Bear Stearns gerettet und AIG, und man sieht doch, wie schlimm es war, Lehmann Brothers nicht zu retten.  Also rette man alles, was man retten kann!  Opel, Griechenland, Spanien, Commerzbank, General Motors, usw usw.”  Na klar: das geht nicht.  Und es gibt keinen guten Grund dafür.  Über Lehman Brothers und AIG wird noch viel geschrieben werden: hier lässt sich vielleicht ein respektables Argument stricken, daß das Finanzsystem nur mit gesunden Finanzinstitutionen funktioniert, und das es systemisch wichtige Finanzinstitutionen gibt, die eben gesund sein müssen.  Das Argument funktioniert schon bei Autos nicht: wenn Opel pleite ist, gibt es kein systemisches Zusammenschmelzen der Auto-Industrie: die Leute kaufen dann nämlich stattdessen z.B. Volkswagen – das ist übrigens gut für Volkswagen.  Wenn griechische Staatspapiere im Geldgeschäft nicht mehr gebraucht werden können (siehe Argument 1), dann werden die Banken eben französische Papiere nehmen – das ist übrigens gut für Frankreich.  Griechenland ist nicht systemisch wichtig für den Euro.  <br />
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Was ist mit den öffentlich Angestellten in Griechenland, die nun auf der Straße demonstrieren?  Die haben einen Ansprechpartner: die griechische Regierung, den griechischen Steuerzahler.  Dort ist die Verantwortung.  Nicht in Berlin.  Nicht in Paris.<br />
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Das Finanzsystem kann nur funktionieren, wenn Verantwortung getragen worden, und wenn die Konsequenzen unverantwortlichen Handelns dort landen, wo sie hingehören: bei demjenigen, der unverantwortlich gehandelt hat.  Alles andere führt nur zu noch größeren Problemen im Laufe der Zeit.  Noch haben die Finanzminister die Chance das Richtige und Verantwortliche zu tun: Griechenland de facto nicht retten (und stattdessen die anderen gefährdeten Länder im Vorfeld zu stabilisieren).  Sie haben auch die Chance, es zu versieben: Griechenland retten und damit das europäische Finanzsystem endgültig permanent zu schwächen.  Es ist ein Krebs, ein Tumor: nicht sofort sichtbar, aber langfristig tödlich.  Ich halte die Daumen gedrückt.<br />
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]]></description>
<pubDate>Sat, 13 Feb 2010 01:19:49 +0100</pubDate>
<dc:creator>huhlig</dc:creator>
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<title>Eine Frage an Merkel und Westerwelle.  Experten,  Dilettanten oder etwas anderes?</title>
<link>http://oekonomie.blogg.de/eintrag.php?id=77</link>
<description><![CDATA[Schäuble ist Finanzminister.  Aha.  Wie der niederländische Journalist Savelberg bei der <a href="http://www.youtube.com/watch?v=XaWE8K2nRVs&feature=player_embedded ">Pressekonferenz</a> dazu anmerkte, hatte Schäuble mal 100000 Mark „vergessen“, die ihm ein Waffenhändler gegeben hatte. Der Journalist fragte daher, ob das nicht für einen Finanzminister problematisch sei.  Kanzlerin Merkel erklärte daraufhin, daß sie Schäuble vertraut.  Das ist natürlich gut zu wissen.  Was meinen Sie?  Vertrauen Sie ihm auch?  Ist er Experte, Dilettant oder noch etwas anderes? <br /><br /> ]]></description>
<pubDate>Wed, 28 Oct 2009 00:32:42 +0100</pubDate>
<dc:creator>huhlig</dc:creator>
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<title>2008=1931, aber nicht 2008=1929.</title>
<link>http://oekonomie.blogg.de/eintrag.php?id=76</link>
<description><![CDATA[Welche Lektionen lassen sich aus der Großen Depression nach 1929 über die Wirtschaftskrise nach 2007 lernen?  Diese Frage treibt viele Kommentatoren und Ökonomen um.  Ich habe <a href="http://www.faz.net/s/RubEC1ACFE1EE274C81BCD3621EF555C83C/Doc~E01AD41B8967B4000BC767DF04AE9632E~ATpl~Ecommon~Scontent.html">hier </a>einen, wie ich finde, sehr interessanten Beitrag des Londoner Ökonomen und renommierten Wirtschaftshistorikers Albrecht Ritschl gelesen.  Ich empfehle ihn hiermit weiter. <br /><br /> ]]></description>
<pubDate>Tue, 27 Oct 2009 01:57:01 +0100</pubDate>
<dc:creator>huhlig</dc:creator>
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<title>Ein Wunsch an Merkel und Westerwelle: Experten statt Dilettanten</title>
<link>http://oekonomie.blogg.de/eintrag.php?id=75</link>
<description><![CDATA[Wie lassen sich die derzeit schwierigen wirtschaftlichen Probleme Deutschlands lösen?  Gute Frage.  Wer kann sie beantworten?  Na klar: da gibt es die 10-Sekunden bis 30-Minuten Fernseh-Interviews mit prominenten Ökonomen, Literaturnobelpreisträgern, Popstars und ähnlichem mehr.  Stattdessen ist mein Vorschlag und Wunsch für die neue Regierung: Professionalisierung, durch ausreichende Expertise in den Ministerien und engen Kontakt in die Wissenschaft, ernstgenommen auf höchster Ebene. <br /><br /> Konkreter sieht das so aus: eine echte Forschungsabteilung muß her, am besten in gleich drei Ministerien, dem Finanzministerium, dem Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie sowie dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales.  Dort sollten jeweils 30 promovierte Volkswirte sitzen: die besten sollten gut genug sein, sinnvoll rekrutiert und zu international konkurrenzfähigen Gehältern, plus Forschungsbudgets, Daten etc..  Die sollen zu etwa 60 Prozent forschen, zu 40 Prozent Expertisen für die Ministerien erarbeiten.  Zudem ein regelmäßiger “Durchfluß” an Experten von außen insbesondere aus der Wissenschaft: also vernünftig gestaltete Besucherprogramme, eine gute Anzahl von lokalen Spezialkonferenzen, Expertisen, intensiver Kontakt in die Wissenschaft hinein.   Das alles darf nicht nur ein schmückendes Beiwerk bleiben, sondern muß gewissermaßen nahe am “Herzen” des Staatssekretärs und Ministers verankert sein, so daß das so aufgebaute Expertenwissen ganz oben sinnvoll für die praktischen politischen Fragen des Alltags genutzt werden kann: das erfordert einen regelmäßigen Austausch und Fluß der Ideen und Einsichten in beide Richtungen, das erfordert das Miteinander-Erlernen einer gemeinsamen Sprache.<br />
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Lösungen für schwierige Probleme der Wirtschafts-, Sozial- und Finanzpolitik erhält man nicht vormittags auf “Knopfdruck”.  In der Regel erfordern sie das Durchrechnen und Durchdenken verschiedener Modelle und die Experten-Diskussion der Ergebnisse.  In der Regel ergibt das eine umstrittene Spannbreite an Einsichten, und aus deren Diskussion ergeben sich die nach dem derzeitigen Kenntnisstand besten Lösungen, an denen in Zukunft weiter zu feilen sein wird.  Nicht Meinungen sind gefragt, sondern professionelle Analysen und deren professioneller Vergleich.<br />
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Die Zentralbanken machen das schon lange vor.  Es wird Zeit, daß dieses Modell auch an den zentralen Stellen der Wirtschaftspolitik umgesetzt und dort für den Zweck der besseren Wirtschaftspolitik weiterentwickelt wird.     <br />
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Bis jetzt passiert davon in den Ministerien erschreckend wenig.  Das Stochern im Nebel tief in der Nacht der vergangenen zwei Jahre muß aufhören: da waren zuviele Dilettanten und zuwenige Experten am Werk.  Es wurde zuwenig Kontakt zu Experten von außen auf sinnvolle Weise hergestellt.  Wer widersprechen will, der möge es tun – und bitte begründen.<br />
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Was sind die Kosten?  Im Vergleich zu vielen anderen Wünschen dieser Koalition ist der Plan oben sicher einer der preiswertesten Punkte: Bruchteile von Promille des Bundeshaushaltes.<br />
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Was sind die Erträge?  Wie wäre es mit vernünftiger Regulierung der Finanzmärkte?  Wie wäre es mit sinnvoller Arbeitsmarktpolitik?  Wie wäre es mit professioneller Analyse von Steueränderungen?  Wie wäre  es mit mehr Zufriedenheit, mehr “Wohlfahrt” der bundesrepublikanischen Bürger?  Oder anders: wie wäre es mit größeren Chancen der Wiederwahl in vier Jahren?  Das sind Promille-Bruchteile des Bundeshaushaltes doch sicherlich wert, nicht war Frau Merkel und Herr Westerwelle? <br />
]]></description>
<pubDate>Wed, 07 Oct 2009 17:26:01 +0200</pubDate>
<dc:creator>huhlig</dc:creator>
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<title>“Der Spiegel”, Westerwelle, Steuersenkungen und die Laffer Kurve</title>
<link>http://oekonomie.blogg.de/eintrag.php?id=74</link>
<description><![CDATA[Kurz vor der Bundestagswahl hat Sven Böll in “Der Spiegel” noch schnell einen unvollständig  recherchierten <a href="http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,650851,00.html">Artikel</a>  über die Laffer-Kurve geliefert, wohl insbesondere als Breitseite gegen Westerwelle, die FDP und deren Steuersenkungsvorschläge.  Lieber Herr Böll, liebe “Der Spiegel”-Redaktion: vom Leder ziehen ist ja ok, aber wo sind die einstigen Recherche-Stärken ihrer Redaktion geblieben?   Schon mal “Laffer curve” in Google eingegeben?  Dort finden sie auf Seite 1 gleich den Link zu einer 2009 verbreiteten wissenschaftlichen Studie mit dem doch klaren Titel “How Far Are We From The Slippery Slope? The Laffer Curve Revisited”.  Diese Studie gibt durchaus eine präzise Antwort auf die von Ihnen in den Raum gestellte Herausforderung:  “Denn Laffer selbst hat den Prozentsatz, ab dem die Einnahmen des Staates bei Steuererhöhungen sinken, nicht präzisiert. Und auch die Forschung tut sich mit konkreten Antworten auf die Frage, wo dieser Punkt denn eigentlich genau liegt, bis heute schwer.”  Die Antworten finden sich in dem genannten Papier.  Mal ehrlich: das konnten Sie nicht finden?  Wie kann das sein?  <br /><br /> Gut, ich hatte einen Vorteil, diese Arbeit zu finden.  Sie ist nämlich von Mathias Trabandt, derzeit an der Europäischen Zentralbank (offizieller Hinweis: The views expressed in this paper are solely the responsibility of the authors and should not be interpreted as reflecting the views of the ECB or Sveriges Riksbank), und mir selbst.  Die neueste Version ist zur Zeit über die <a href="http://www.nber.org/papers/w15343.pdf">NBER</a> verfügbar, hoffentlich demnächst aber auch an anderer Stelle (update: inzwischen auch vom <a href="http://mfi.uchicago.edu/">Milton Friedman Institute </a>der University of Chicago <a href="http://mfi.uchicago.edu/wp/pdf/trabandt_uhlig_laffer_vers21_WP.pdf">hier</a>). Wie jede Studie auch, macht unsere Studien Annahmen, und natürlich lässt sich über alles (wie immer in der Wissenschaft!) trefflich streiten.  Machen wir gerne!  Aber an dieser Stelle sei mir erlaubt, gleich zu den Ergebnissen zu kommen.<br />
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<img src="http://data.blogg.de/1098762/images/laffer_static_taun_bar_GER.jpg" alt="" /><br />
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<img src="http://data.blogg.de/1098762/images/laffer_static_tauk_bar_GER.jpg" alt="" /><br />
In diesem Blog sehen Sie die Laffer-Kurven für Arbeitssteuern und Kapitalsteuern in Deutschland.  Bei beiden Kurven befindet sich Deutschland “links vom Gipfel”, soll heißen: eine Steuersenkung kostet Regierungseinnahmen, und finanziert sich nicht komplett selbst. Im Papier finden sich dazu konkrete Zahlen.  Senkt man in Deutschland die Lohnsteuern, so finanziert sich dies zu etwa 50 Prozent selbst.  Senkt man in Deutschland die Kapitalsteuern, so finanziert sich das zu etwa 70 Prozent selbst.  Will man so viel Steuern wie möglich einnehmen, und soviel wie möglich als Staat ausgeben (das ist doch interessante Information für “Die Linke”, oder?), so kann man in Deutschland einen Lohnsteuersatz von 64 Prozent wählen – und erhält so 10 Prozent mehr Steuereinnahmen als bisher.  Oder man kann den Kapitalsteuersatz auf 50 Prozent hochsetzen, und erhält 2 Prozent mehr Steuereinnahmen.  Diese Effekte treten nicht sofort ein – es gibt dabei interessante, dynamische Anpassungsprozesse, die wir an anderer Stelle ausgerechnet haben.  Und natürlich gibt es eine Menge Heterogeneität in Steuersätzen und Einkommenssituationen, etc: die genannten Zahlen sind gewissermaßen die Vogelperspektive.  Interessanterweise sind diese Zahlen zwar optimistischer (in Bezug auf Steuersenkungen), aber dennoch in der Nähe der Bemerkungen von Waigel, daß “der Staat von einem Euro Steuersenkungen am Ende rund 30 Cent zurück” erhält.    <br />
Diese makroökonomischen Anreizeffekte auszurechnen erfordert eine quantitative, makroökonomische Analyse.  Vielleicht hätte "Der Spiegel" mal ein wenig nachbohren können, wo das in Deutschland eigentlich (und mit welcher Qualität) gemacht wird.  Vielleicht ein Thema für ein anderes Mal.<br />
<br />
Das Fazit hier sieht so aus.  Na klar, die Laffer-Kurve gibt es (der Spiegel-Artikel bestreitet es auch gar nicht).  Man kann durchaus konkrete Zahlen auf solider wissenschaftllicher Basis benennen (dieser Blog und unser Papier hat es getan).  Der Spiegel hätte diese Zahlen in zwei Minuten Suche und Lektüre finden können – und hat es offenbar nicht getan.  Ehrlich: das ist “unvollständig  recherchiert”, oder?  Und schließlich: Steuersenkungen in Deutschland finanzieren sich zwar nicht komplett selbst.  Aber der Anteil der Selbstfinanzierung ist durchaus beachtlich.<br />
<br />
Nachtrag (7. Okt. 2009): Patrick Bernau hat einen sehr schönen <a href="http://www.faz.net/s/Rub0E9EEF84AC1E4A389A8DC6C23161FE44/Doc~E1AB800D5DA36463C815BB073C0DE662C~ATpl~Ecommon~Scontent.html">FAZ-Artikel</a> zum Thema Laffer-Kurve und dem Trabandt-Uhlig Papier geschrieben: weitere Diskussion findet sich dort auch!]]></description>
<pubDate>Fri, 25 Sep 2009 20:34:07 +0200</pubDate>
<dc:creator>huhlig</dc:creator>
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<title>G20: Regulierungs-Chaos nach der Weltfinanzkrise</title>
<link>http://oekonomie.blogg.de/eintrag.php?id=73</link>
<description><![CDATA[Im Vorfeld des G20 Treffens in Pittsburgh überbieten sich die Regierungen gegenseitig, welche Finanzmarktregulierung denn streng genug sei, um die bösen, bösen Banker davon abzuhalten, in Zukunft zuviele Risiken einzugehen und das Finanzsystem zum Einsturz zu bringen.  In Holland gibt es bereits einen freiwilligen Codex, daß Bonus-Zahlungen nicht das reguläre Gehalt übersteigen dürfen.  Die Europäer würden wohl Bonus-Zahlungen grundsätzlich stark reglementieren – dagegen mutet der eigentlich absurde Vorschlag der Fed, in Zukunft alle Bonus-Kontrakte im Vorfeld zu genehmigen, schon beinahe milde an.  Da geht die Bundeskanzlerin in einer <a href="http://www.bundesregierung.de/Content/DE/Mitschrift/Pressekonferenzen/2009/09/2009-09-21-pressestatement-merkel-steinbrueck-issing.html ">Pressekonferenz</a>  an diesem Montag noch deutlich weiter: “Jedes Finanzmarktprodukt, jede Finanzinstitution und jeder Finanzplatz sollen einer Regulierung unterworfen werden, und das Ganze muss natürlich kohärent, global geschehen.” Dazu sollen die Eigenkapitalregeln verschärft werden: mehr soll sein und irgendwie besser.  Der IMF soll mehr Ressourcen und mehr Aufgaben bekommen.<br />
<br />
 <br /><br /> Na wunderbar.   Vor ca fünf Jahren war ich noch bei einer Diskussion in Berlin mit Finanzministerialen, die ernsthaft überlegten, den IMF zu schließen (“wozu brauchen wir den noch?”).  Ich habe darauf hingewiesen, daß wir ihn brauchen,denn Finanzkrisen kommen immer wieder – und die Herren Regierungsvertreter haben mich  mild-lächelnd und bemitleidend angeschaut.   Oder die Regulierungen: Basel II soll besser umgesetzt werden, ein Ungetüm von mehreren hundert Seiten Regulierung, bei dem es jeden guten Wirtschaftsjuristen juckt, die Löcher zu finden.  Und Löcher gibt’s ja schon massiv und werden fleißig genutzt!<br />
<br />
Zum Beispiel: um zu wissen, wie hoch das Eigenkapital im Vergleich zu den Aktiva ist, muß man alles bewerten.  Wie denn,  bitteschön?  Mit Ratingsagenturen, etwa?  Die stehen derzeit ja auch nicht hoch im Kurs.  “Mark-to-Market”, also an Marktpreisen?  Für Produkte, die vielleicht gar nicht gehandelt werden (welche Preise, dann?) oder für Produkte, deren Preise in der Krise doch angeblich dramatisch in den Keller gerutscht sind, unter irgendwie vernünftige “Fundamentalbewertungen”?  Auch nicht gut.  Oder anhand von Bank-internen Modellen?  Der Wolf möge auf sich selbst aufpassen, keine Schafe zu reißen, bitteschön?  Vielleicht können die Regierungen hier besser aufpassen?  Zum Beispiel die gleiche deutsche Regierung, deren Landesbanken als erstes in der Krise den Bach hintergingen (bis auf die Bankgesellschaft Berlin – die war nämlich schon 2001 aufgrund politischen Mismanagements pleite) .  Die Bundesregierung, die eigene Experten zu den Opel-Verhandlungen schickt, und sich dann über die Lösung freut, der diese Experten bitter widersprechen?  Oder die US-Regierung etwa, die jahrelang Druck auf Fannie Mae und Freddie Mac ausgeübt hat, bitte mehr Kredite an “minorities” etc zu geben – und sich jetzt über die Folgen beschwert?  Die US Regierung, die die Bank of America am “high noon” Moment Mitte September 2009 dazu überredet hat, Merril Lynch zu retten – um sie dafür nun umso härter zu verfolgen?  <br />
<br />
Wie sieht das mit der Dynamik des Eigenkapitals aus?  Cifuentes, Ferrucci und Shin haben 2005 ein kurzes Papier in dem Journal of the European Economic Association veröffentlicht, in dem sie zeigen, daß diese Eigenkapitalregelungen gerade erst die Krise herbeiführen.  Sinken nämlich die Marktpreise für die Aktiva einer Bank, dann müsste sie entweder neues Eigenkapital auftreiben oder Aktiva loswerden – was weiteren Druck auf die Preise am Markt gerade dieser Aktiva ausübt: die sinken noch weiter, es kommt zu weiteren Verkäufen, etc..  Eine tödliche Spirale!  Ausgelöst aufgrund der Regulierung!  Was tun?  Da gibt es Vorschläge (ich glaube, z.B. von Gersbach und Hellwig), in guten Zeiten viel Eigenkapital vorzuschreiben und in der Krise weniger zu verlangen.  Nur: ist das Eigenkapital nicht eigentlich dazu da, Verluste im möglichen Krisenfall abzudecken?  Warum soll es dann gerade in einer Krise besonders niedrig sein dürfen – wird das wirklich die Einleger ruhig schlafen lassen?   Es gibt andere Vorschläge z.B. von Kollegen hier an der Booth Business School in Chicago, die im wesentlichen auf Versicherungskontrakte hinauslaufen: z.B. sollen im Krisenfall ein Teil der Schulden automatisch in Eigenkapital verwandelt werden, also “convertible” gemacht werden.  Klingt wunderbar – bis man sich überlegt, daß viele dieser Schulden von Geldmarktfonds gehalten wurden, deren Einleger offenbar panisch wurden, als klar wurde, daß sie nicht unbedingt wenigstens ihre Einlagen wieder voll zurückbekamen.  Wenn nun die Umwandlung von Schulden in (sicher dann nicht mehr so wertvolles!) Eigenkapital droht, was werden dann wohl die Geldmarktfonds-Einleger machen? <br />
<br />
Überhaupt: ist es denn so schlimm, wenn eine Bank dicht macht?  Das passiert laufend, die Einlagenversicherung zahlt für Einlagen bis zu einem bestimmten Betrag, die anderen sind selbst schuld, und es ist alles in Butter (vorausgesetzt, für die Einlagenversicherung werden vorher die angemessenen Prämien bezahlt – allerdings: genau hier ist das “Adverse Selection” Problem und das “Moral Hazard” Problem, was die Regulierung der einzelnen Bank notwendig macht!    Mishkin erklärt das in seinem locker geschriebenen Textbuch sehr schön, wer mehr lesen möchte.  Aber das nur nebenbei).  <br />
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Das Problem ist nicht das idiosynchratische Risiko einer einzelnen Bank – das Problem ist das systemische Risiko des gesamten Finanzsystems!  Markus Brunnermeier, Edwards S. Sanford Professor in Princeton und ausgewiesener Finanzexperte (und deutschsprachig!) hat das kürzlich in Chicago prägnant formuliert (hier aus dem Gedächtnis zitiert, hoffentlich halbwegs richtig): “Bevor man zu Regulierungen greift, muß man das Problem benennen, daß gelöst werden soll.  Regierungen sollten eingreifen, wenn Externalitäten vorliegen.  Die Externalitäten in der Finanzkrise liegen in der systemischen Verflechtung und der Korrelation der Bank-Aktiva.”  Er schließt daraus, daß wir nicht “value at risk” (VaR) messen sollten, sondern die “covariance at risk” (CoVaR) – und hat das nun wirklich an fast jeder Stelle klar und deutlich vorgetragen, an der er dazu gefragt wurde. Er hat einen <a href="http://www.princeton.edu/~markus/research/papers/Geneva11.pdf">“Geneva Report”</a>  verfasst,   in dem sich weitere viele gute Ideen und Analysen finden.  Hat die Bundesregierung ihn jemals gefragt?  Vielleicht wenigstens die Bundesregierungs-Expertengruppe "Neue Finanzarchitektur"?  Haben die überhaupt irgendwelche namhaften Ökonomen befragt (außer Issing, natürlich, der die Expertengruppe immerhin geleitet hat!)?  Oder lieber doch mal wieder wüst und blind drauflos regulieren, was das Zeug hält, ohne zu verstehen, was Sache ist?  <br />
<br />
Überhaupt die Expertengruppe.  Wirklich: Issing ist eine Ikone, ein Held, alle, ich auch, schätzen ihn außerordentlich.  Nun findet sich dann aber dieses Zitat bei der <a href="http://www.bundesregierung.de/Content/DE/Mitschrift/Pressekonferenzen/2009/09/2009-09-21-pressestatement-merkel-steinbrueck-issing.html">Pressekonferenz </a>  vom Montag, daß nämlich aufgrund der Krise “der Eindruck entstehen könnte: Größere oder systemisch relevante Finanzinstitute können nicht pleitegehen, der Steuerzahler, die Gesellschaft und die Politik sind gezwungen, sie am Leben zu erhalten. Dieser Eindruck darf nicht die Zukunft bestimmen ....”  Prima Idee.  Nur leider, leider: die Katze ist längst aus dem Sack.  Und inzwischen weit weg.  Meint die Bundesregierung im Ernst, wir hätten vergessen, wie Bank-of-England Governor Mervyn King noch zwei Tage vor der Rettung der Pleitebank Northern Rock groß getönt hat, die Bank of England würde sich keinesfalls einmischen?  Meint die Bundesregierung wirklich, irgendwer hätte vergessen, wie letztes Jahr nach der Lehmann-Pleite der private Einlagensicherungfonds der Banken in Deutschland leer war, Merkel Anfang Oktober 2008 beim Regierungsgipfel in Frankreich groß herausstrich, daß alles in Butter sei – um dann am Montag nach einem dramatischen Wochenende auf Seite eins der Boulevard-Zeitungen zu verkünden, “Die Einlagen sind sicher” (und das heißt ja wohl: sicher aufgrund einer Regierungsgarantie, notfalls per Notstands-Erklärung auf Verfassungsgrundlage?).  Meint die Bundesregierung allen Ernstes, wir hätten vergessen, wie die US Federal Reserve Bank auf einmal ihren Schutzschirm über Money Market Funds, Investmentbanks und diverse andere Finanzinstitutionen aufspannte, um einen Systemzusammenbruch zu verhindern?<br />
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Nein, wir haben es nicht vergessen.   “Moral Hazard” ist jetzt da, groß und fett.  “Creative ambiguity”, das war einmal, Herr Issing.  Da kommt man auch nicht wieder mit wolkigen Bemerkungen im Rahmen einer Pressekonferenz hin zurück.  Die Idee eines “Bank-Testaments” als Vorschlag, das Problem anzugehen, ist ja nett, nur leider: in guten Zeiten hätten Banken ja auch an Risiko-Modellen für den Ernstfall basteln können, es hat nur keinen interessiert.  Immerhin: man muß vor Herrn Issing den Hut ziehen, dies als Kernproblem angesprochen zu haben.  Das ist es nämlich in der Tat!  Vielen Dank dafür!  Nur: eine Lösung ist noch nicht recht in Sicht (immerhin hat Issing CoVar-ähnliche Vorschläge angesprochen).<br />
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Im Gegenteil.   Diamond and Rajan an der Booth School of Business der University of Chicago haben in einer Reihe von Papieren darauf hingewiesen, was der vermutete Eingriff der Regierungen im Falle einer systemischen Krise auslöst.  Finanzinstitutionen wissen dann nämlich, daß sie eher gerettet werden, wenn sie die gleichen Risiken wie alle anderen auch halten.  Mit anderen Worten, der “Moral Hazard” und die massiven Eingriffe der Zentralbanken und Regierungen in die Finanzmärkte während der Krise führen überhaupt erst zu der Korrelation, vor der Markus Brunnermeier richtigerweise so warnt!  Jetzt, wo alle wissen, daß die Regierungen eingreifen werden, ist das Problem nicht kleiner geworden, sondern größer. <br />
<br />
Kurzum: die Regierungen sind weit davon entfernt, die richtigen Lösungen zu finden.  Vieles was derzeit vorgeschlagen wird, macht die Dinge eher schlechter als besser.  Vieles wird hineingeworfen, was nichts mit dem eigentlichen Problem – dem Verhindern einer systemischen Finanzkrise und ihren Folgen für den Wohlstand und dem Zustand der Wirtschaft insgesamt – zu tun haben.  Der Austausch mit Akademikern, die sich professionell mit diesen Fragen beschäftigen, wurde nur ungenügend gesucht.<br />
<br />
Was wird uns retten?  Die Tatsache, daß sich Länder international ohnehin nur schwer auf Regeln einigen können.  Die Tatsache, daß Ermüdungserscheinungen auftreten, daß sich die Politik ohnehin anderen Themen zuwendet.  Die Tatsache, daß es Länder gibt, wo diese Regeln ohnehin nicht gelten – offshore banking bekommt neue Konjunktur!  Die Tatsache, daß die Bankjuristen findig genug sind, dumme Regeln zu umgehen (schlaue leider auch – problemlos ist das nicht).     Eine gute Lösung ist das nicht.<br />
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Ein langer Blog-Eintrag.  Kann man ihn irgendwie zusammenfassen?  Kann man, und zwar so: die nächste Finanzkrise kommt bestimmt.<br />
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<pubDate>Wed, 23 Sep 2009 19:05:34 +0200</pubDate>
<dc:creator>huhlig</dc:creator>
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<title>Schlaflos über Seattle</title>
<link>http://oekonomie.blogg.de/eintrag.php?id=72</link>
<description><![CDATA[Ein 8-Stunden Nachtflug irgendwohin, vielleicht New York nach London, vielleicht woanders.  Das sollte doch ausreichen, um gute sieben Stunden zu schlafen, oder?  Ist es nicht.  Etwa eine Stunde nach Abflug wird erst einmal Essen serviert.  Um mich regt sich alles, die freundlichen Stimmen der Stewardessen und das Geklapper mit Besteck, das Aufrichten der Stühle – nein, Schlafen ist unmöglich.   <br /><br /> Dann wälze ich mich auf dem Stuhl hin und her.  Der Sitz (economy class): hart.  Die Lehne: zu niedrig, um seinen Arm darauf und dann darauf den Kopf zu stützen.  Schließlich döse ich weg, aber der Kopf: er rollt nach vorn, ich schrecke wieder hoch.  Er rollt zur Seite, einmal nach links, dann nach rechts.  Manche Fluglinien haben immerhin einknickbare Seiten, als kleine Stütze.  Ginge es bequemer, mit besserem Stuhl-Design?  Vielleicht irgendetwas, worauf man seinen Kopf zum Schlaf besser stützen könnte, zum Beispiel? Sicher, da gäbe es viele Ideen.  Aber wohl auch Sicherheitsvorschriften: für die extrem geringe Wahrscheinlichkeit einer Notwasserung auf einem extrem ruhigen Atlantik, wo dann irgendeine Bequemlichkeit den Fensterpassagier um Bruchteile von Sekunden verlangsamen könnte, das Sitzunterteil herauszureißen und sich damit schwimmend in die Fluten zu stürzen (hat das eigentlich jemals funktioniert?  Na gut, die Hudson-Notwasserung ... ).  Sicherheit geht schließlich vor! Oder?  Wiegt nicht eine gesündere Flugreise (geringeres Infarkt-Risiko!) das Sicherheitsrisiko bei einer eventuellen Notwasserung auf?  Warum habe ich als Fluggast keine Wahl – “Fliegen auf eigenes Risiko”, sozusagen?  <br />
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Schließlich schlafe ich doch ein, träume von einem neuen Film.  “Schlaflos über Seattle” – hat irgendetwas mit unbequemen Flugreisen zu tun, weniger mit Liebeskummer.  Vielleicht doch kein Renner.  Daran wird wohl noch zu arbeiten sein.   Dann wird es auf einmal hell, das Kabinenlicht leuchtet grell, die Stewardessen rennen eifrig herum.  Was, landen wir schon?  Nicht doch.  Noch 90 Minuten.  Aber Frühstück muß sein, oder?  Dabei habe ich gar keinen Hunger – und einen pappigen Croissant bekomme ich auch für wenig Geld nach der Landung.  Stühle hoch, emsiges Treiben – ein Künstler, wer da weiter schlafen kann.  Ich probiere es, aber da meldet sich der Captain mit einer längeren Rede.  Also, die Temperatur ist am Zielort jetzt 26 Grad und es ist bewölkt,  und diverse Einzelheiten mehr, die ich vergessen habe.  In drei verschiedenen Sprachen.  Ich war sowieso nicht sonderlich aufnahmefähig.  Keine Ahnung, ob ich jetzt irgendetwas machen soll – mich umziehen vielleicht?  Ich bin ja sowieso drinnen, bis ich meinen Koffer und meine Klamotten bekomme.  Den Captain kenne ich nicht, und die Ausbreitung seines meteorologischen Wissens bringt ihn mir auch nicht näher.  Ich versuche, weiterzuschlafen, aber nach etlichen Minuten Lautsprecher geht das wirklich nicht mehr.<br />
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Ich friere ohnehin.  Es war ein schöner Sommertag, als ich in das Flugzeug eingestiegen bin, da hatte ein T-Shirt gereicht.  Ich habe vergessen, daß es im Flugzeug deutlich kälter sein würde: normalerweise nehme ich immer einen Pullover mit.  Diesmal werde ich wohl stattdessen eine Erkältung mitnehmen.<br />
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Also, etwas Arbeiten auf dem Laptop.  Die Batterie geht langsam zur Neige, es gibt keine Steckdose im Flugzeug, und ich habe noch einen Anschluß-Flug.  Daher nach der Landung rasch an eine Steckdose!  Nur: die sind fast nie da, wo auch die bequemen Sitze sind.   Neben die Coca-Cola-Maschine hatte sich nämlich schon jemand anders gesetzt, um seinen Laptop zu laden (und kalte Coca-Cola soll ja sowieso nicht gut für den Magen sein, oder?).  Ich hocke mich zu einem anderen Geschäftsreisenden auf den Boden neben den Mülleimern: da ist noch eine Steckdose frei.  Wir unterhalten uns über Mülltrennung in Deutschland und anderswo: da kann man doch noch gleich wertvolle Kontakte knüpfen.<br />
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Ungewöhnlich?  Ich glaube nicht.  Sicher, da gibt es Versuche bei einigen Airlines, hie und da: bessere Sitze, sogar Steckdosen im Flugzeug.  Da gab es auch einmal das Lufthansa-Experiment, vor dem Abflug Snacks und Riegel zu verteilen (und die Passagiere haben das Zeug dann rucksackweise abgeschleppt, als könnten sie es sich sonst nicht leisten).  <br />
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Aber trotzdem: ich finde es verblüffend.  Na klar, hier treffen Angebot und Nachfrage aufeinander, diese Situation muß wohl das sein, was alle anderen Passagiere wollen!  Aber so ganz glauben kann ich es doch nicht.  Ich denke, eigentlich sollte es da mehr Marktlösungen geben.  Nachtflüge mit “minimal disturbance”, zum Beispiel.  Verpflegungstüte wird beim Einstieg in die Hand gedrückt, innen kann man sich an einer Theke auch Getränke und Essen holen – aber ansonsten keine Störung und das Licht bleibt aus (außer direkt vor Landungen, gleich welcher Art).  Billiger müsste das doch auch sein, oder?  Also, wenn es eine Fluglinie gibt, die das regelmäßig anbietet: bitte hier melden.  Vielleicht buche ich da in Zukunft.  <br />
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Ansonsten arbeite ich weiter an meiner Neben-Karriere als Film-Direktor.  Fliegen gibt einem da ja doch interessante Ideen, oder?<br />
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<pubDate>Tue, 25 Aug 2009 00:44:19 +0200</pubDate>
<dc:creator>huhlig</dc:creator>
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<title>Externe Berater in den Ministerien: auch Ökonomen?</title>
<link>http://oekonomie.blogg.de/eintrag.php?id=71</link>
<description><![CDATA[Da lese ich zum Beispiel <a href="http://www.tagesspiegel.de/politik/deutschland/Guttenberg-Gesetze-Gutachten;art122,2871622">hier</a>, daß die Bundesregierung im Jahr 2008 ``mindestens 40 Millionen Euro” für externe Beratungsverträge ausgegeben hat.  Mich interessiert nun: wieviel davon floß an Ökonomen, außerhalb der “Wirtschaftsforschungsinstitute” und des Sachverständigenrates?  D.h., hat man in dieser Wirtschaftskrise versucht, volkswirtschaftlichen Sachverstand zu holen – und zwar in einer Weise, die signalisiert, daß hier mehr als eine gelegentliche Hobby-Beschäftigung gewünscht wird?  Ich vermute, die traurige Antwort ist im wesentlichen ein “Nein”. <br /><br /> Ich vermute, ein großer Teil der 40 Millionen sind Rechtsberatungen.  Pikant schon deswegen, weil vermutlich Juristen die größte Gruppe der Ministerialen und Parlamentarier stellen, oder?  Man sollte doch denken, die Regierungsjuristen kennen sich da mit allen Feinheiten genügend gut aus.  Vielleicht hat es auch die eine oder andere Unternehmensberatung gegeben, etwa zur Frage, was bei Opel geschehen soll.<br />
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Aber Volkswirte?  Na klar, da gibt es die sogenannten “Wirtschaftsforschungsinstitute”.  Die leben im wesentlichen von diesen Aufträgen, das ist so eine Art Symbiose: die Ministerien sollen Gutachten vorlegen, die Wirtschaftsforschungsinstitute müssen ihre Mitarbeiter bezahlen, also liefern letztere die Stapel Papier für erstere.  Ob da wirklich irgendjemand die Dinger auch gründlich liest, ob das alles einer Qualitätskontrolle unterstellt wird, sei einmal dahin gestellt.<br />
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Dann gibt es den Sachverständigenrat: ein Gremium, daß sich qua Amt mit allen volkswirtschaftlichen Fragen auseinandersetzen muß.  Das kostet etwas Geld, und dafür wird ganz ordentliche Arbeit gemacht.<br />
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Aber angeblich soll es ja auch Wirtschaftssachverstand außerhalb der “Wirtschaftsforschungsinstitute” und des Sachverständigenrates geben.  Da gibt es die wissenschaftlichen Beiräte, zum Beispiel.  So viel ich weiß, arbeiten die “ehrenamtlich”.  Der Ehre wegen mag sich da ja der eine oder andere schon mal ins Zeug gelegt haben – aber als Dauer-Beratungsinstitution?  Das kann nicht wirklich gut funktionieren, oder?  Oder was ist mit anderen externen Volkswirten?  Gibt es da bezahlte Beratung, wohin sind da evtl Gelder geflossen?<br />
<br />
Also vielleicht ist es ja so, daß hier einiges an Aktivität entfacht wurde, und daß davon die Öffentlichkeit bloß nichts mitbekommen hat.  Ich befürchte aber eher, hier wurden in der größten Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit vor allem 40 Millionen Euro für Juristen ausgegeben, die uns sagen, wie man alles nur schön noch weiter reglementieren und bürokratisieren kann.  Und einen Appel und Ei für volkswirtschaftlichen Sachverstand.  Na, wenigstens an einer Stelle ist also gespart worden!<br />
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]]></description>
<pubDate>Thu, 13 Aug 2009 12:39:40 +0200</pubDate>
<dc:creator>huhlig</dc:creator>
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<title>Deutsche Politiker: ohne Computerkenntnis?</title>
<link>http://oekonomie.blogg.de/eintrag.php?id=70</link>
<description><![CDATA[Mehrfach beklagte ich in diesem Blog die mangelnde Interaktion der Wirtschaftspolitik mit den wirtschaftswissenschaftlichen Experten – und da finde ich diesen <a href="http://www.youtube.com/watch?v=X92GtG1G_hY">Bericht</a> der Kinderreporter auf YouTube.  Da hat z.B. Bundesjustizministerin Zypries noch nie etwas von einem Browser gehört, Ströbele weiß möglicherweise nicht einmal, wie man so einen Computer eigentlich einschaltet – und sie sind nicht allein.  Lustig?  Traurig?  Entscheiden Sie.  Ob also irgendein Expertenwissen gleich welcher Art per Internet irgendwie bei den Politikern ankommt, darf man nach diesem Bericht wohl stark bezweifeln – aber jeder Politiker sei aufgerufen, dem hier durch kurzem Eintrag zu widersprechen!  Fachbücher, Fachzeitschriften und "working papers" werden dort wohl auch nicht gelesen, vermute ich.  Vielleicht probieren wir Wissenschaftler es da doch lieber, die wesentlichen Informationen in eine schöne Sendung-mit-der-Maus-Geschichte zu verpacken, und als VHS-Video an die Politiker zu senden?  Das könnte evtl funktionieren – hat das schon einmal jemand probiert? Schließlich wird ja immer gesagt, die Wissenschaft habe eine Bringschuld.  Sponge Bob würde ich als Grundlage nicht empfehlen: zu modern, kennen die wahrscheinlich nicht.  Immerhin. <br /><br /> ]]></description>
<pubDate>Thu, 30 Jul 2009 16:42:15 +0200</pubDate>
<dc:creator>huhlig</dc:creator>
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<title>Claudia Pechstein und die Ökonometrie</title>
<link>http://oekonomie.blogg.de/eintrag.php?id=69</link>
<description><![CDATA[Hat Claudia Pechstein gedopt?  Auffällige Blutwerte, vehemente Proteste, verwirrende Experten-Aussagen: vieles ist noch unklar.  Zur Entscheidung soll diesmal ein statistischer Beweis herangezogen werden.  Doch was man darüber in den Zeitungen liest, erstaunt den Ökonometriker in mir.  Entweder ist die Berichterstattung doch etwas oberflächlich oder der geplante statistische Beweis ist etwas wackelig oder die Einsichten der Ökonometrie helfen hier tatsächlich nicht.  Aber das sollte zumindest geklärt werden.<br />
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 <br /><br /> Worum geht es?  Die Frage ist, ob auffällige Retikulozytenwerte bei Pechstein genetisch bedingt oder doch durch Doping herbeigeführt worden sind.  Da schreibt beispielsweise "Der Spiegel" in seiner Ausgabe vom 13. Juli auf S. 106, daß eine “genetische Anomalie” zwar “möglich, aber ... sehr unwahrscheinlich” sei.  “Pierre-Eduouard Sottas, der Analytiker vom Anti-Doping-Labor in Lausanne, hat in 10000 Blutprofilen ... `nur eine[s gefunden mit einem] ... ähnliche[n] ... Blutprofil wie die Beklagte.’ Macht eine Wahrscheinlichkeit von 0,01 Prozent. “ Extrem unwahrscheinlich also, daß ungewöhnliche Blutgenetik und nicht Doping die Erklärung für Pechsteins Werte ist? <br />
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Fangen wir einmal mit einer offensichtlichen Aussage an.  Spitzensportler sind “freaks of nature”, sind Menschen mit extrem ungewöhnlichen, genetischen Veranlagungen.  Man kann nicht jedes Kind nehmen und auf die Eisschnelllaufbahn stellen und darauf hoffen, daß es irgendwann die Zeiten einer Pechstein erreicht.  Selbst bei hartem, langem Training erreichen die Muskeln, erreicht der Bewegungsapparat, erreicht das Herz und der Blutkreislauf eines Durchschnittsbürgers einfach nicht Leistungen, die in die Nähe dieser Spitzenleistungen kommen würden.  Zusätzlich erfordert das lange, harte Training eine für Normalbürger wohl kaum vorstellbare mentale Härte, Zähigkeit und Disziplin: unwahrscheinlich, daß diese Willenskraft allein anerzogen wurde – wahrscheinlich eher schon, daß schon hier eine genetische Komponente ins Spiel kommt.  <br />
<br />
Die Voraussetzungen müssen also ungewöhnlich sein, daß aus einem Kind einmal eine Spitzensportlerin wird.  Nehmen wir also an, daß ein bestimmtes Blutbild hilfreich zum Erzielen von Spitzenleistungen im Sport ist, und daß seltene genetische Variationen dieses Blutbild erzeugen können.  Nehmen wir für den Zweck der Argumentation und zur Vereinfachung sogar einmal an, daß nur diese seltenen genetischen Variationen das Paket genetischer Veranlagungen bereit stellen, die diese Spitzenleistungen ermöglichen.  Nicht jede Person mit diesen genetischen Veranlagungen wird dann eine Spitzensportlerin sein.  Aber es gilt in diesem vereinfachten Fall der Umkehrschluß: jede Spitzensportlerin hat diese seltenen genetischen Variationen!   Anders ausgedrückt, der Hinweis darauf (wie im Spiegel-Zitat oben), daß eine bestimmte genetische Variation nur in 0.01 Prozent der (sportlichen) Normalbevölkerung vorkommt, ist vermutlich irrelevant für die Frage, wie wahrscheinlich sie bei Spitzensportlerinnen vorkommt.  In dem Argument oben käme sie mit einer Wahrscheinlichkeit von 100 Prozent vor – und damit ist dann mit einem erweiterten Argument wirklich jeder Wert zwischen 0.01 und 100 Prozent grundsätzlich möglich.<br />
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Was hat das alles mit Ökonometrie zu tun?  Nun, für die Erkenntnis, daß man bei Schätzungen auf diesen “selection bias” aufpassen muß (und für ein praktisches Verfahren, wie man dann damit statistisch umgehen kann), hat James Heckman im Jahr 2000 den Nobelpreis für Ökonomie erhalten.  Seine grundlegenden Arbeiten dazu stammen aus den Jahren 1976 bis 1979, und sind damit in unserem Fach Grundlagenwissen.  Die Berücksichtigung des "selection bias" ist in der Ökonometrie und der Arbeitsmarktforschung Brot und Butter.  Will man beispielsweise herausfinden, welchen Lohn man als Angestellter aufgrund welcher Charakteristika in seinem Lebenslauf erwarten darf, so ist es falsch, direkt den Zusammenhang der beobachteten Löhne mit den beobachteten Variablen zu schätzen: man muß eben auch berücksichtigen, daß die nicht weiter erklärbaren Schwankungen in diesem Zusammenhang mit den nicht weiter erklärbaren Schwankungen korrelieren, die überhaupt erst zur Einstellung der betreffenden Person geführt haben.  Die Population derjenigen, die einen Job haben, hat nicht die gleichen (unbeobachtbaren) Charakteristika wie die Gesamtpopulation – und diese Charakteristika können auch bei der Lohnhöhe eine Rolle spielen.<br />
<br />
Ähnlich steht es hier.  Die Tatsache, ob jemand zur Spitzensportlerin wird oder nicht (oben: einen Job erhält oder nicht), hat viele Ursachen, aber perfekt vorhersagen kann man das nicht.  Da gibt es unbeobachtbare Charakteristika, die in der Population der Spitzensportler anders verteilt sind, als in der Gesamtpopulation.  Die Retikulozytenwerte und deren Schwankungen (oben: der Lohn und seine Schwankungen) lassen sich ebenfalls nicht perfekt vorhersagen.   Es ist durchaus plausibel, daß hier eine Korrelation herrscht, denn schließlich wäre die ganze Aufregung ja umsonst, wenn diese Werte nicht auf Blutcharakteristika hinweisen, die für die Erbringung von sportlichen Spitzenleistungen nützlich sind.  Will man also etwas über die zu erwartenden Retikuloyztenwerte und deren Schwankungen bei einer Spitzensportlerin aussagen, so muß man den Selektions-Bias berücksichtigen, der überhaupt erst zur Karriere als Spitzensportlerin geführt hat.  Das jedenfalls hat uns Heckman gelehrt.<br />
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Bevor sich jetzt allerdings die Biostatistiker sich daran machen, die Heckit Methode zu erlernen, noch ein Wort der Vorsicht: sportliche Leistungen sind nicht normalverteilt (und eine Normalverteilungsannahme geht an zentraler  Stelle in das Heckit-Verfahren ein).  Man sieht das schön bei der Auswertung z.B. von Straßenläufen: ich habe dies für den 25 km Lauf in Berlin einmal gemacht, bei der tatsächlich sämtliche Zeiten als Paket herunterladbar waren.  Da gibt es zwar eine Verteilung, die schön wie eine Normalverteilung (oder vielleicht Log-Normalverteilung) aussieht – aber nicht bei den Spitzenzeiten.  Dort findet sich ein “spike”, eine ungewöhnliche Häufung, und darunter ist dann –im Gegensatz zur Log-Normalverteilung – nichts mehr.  Kurzum: zusammen mit dem “selection bias” gibt es hier interessante, biometrisch-ökonometrische Herausforderungen!<br />
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Soweit zumindest die ökonometrische Perspektive.  Nun bin ich kein Biometriker oder Doping-Statistiker.  Es mag sein, daß die Argumente oben in diesem Bereich aus irgendwelchen Gründen keine Anwendung finden können.  Es mag auch sein, daß sie zwar eine Rolle spielen, aber der Effekt zu klein ist, als daß er eine irgendwie beachtenswerte Rolle spielen sollte.  Ich habe aber den leisen Verdacht, daß diese Argumente dort doch plausibel oder zumindest erwägenswert sind, und wichtiger, als sie bisher in den Zeitungen dargestellt wurden (nämlich: gar nicht).  Dann gibt es zwei Möglichkeiten.  Entweder, der investigative Journalismus einer Zeitung wie "Der Spiegel" ist nicht mehr das, was er einmal war, und die Berichterstattung dort und in anderen Blättern ist einfach zu flach.  Dann gibt es mächtig Aufholbedarf für die Journalisten!  Oder aber – das wäre schlimmer – der Punkt ist den Doping-Experten und Biometrikern nicht ausreichend deutlich, es ist ihnen nicht in “Fleisch und Blut” übergegangen (schon wieder Blutwerte ...).  Dann ist es durchaus möglich, daß die wichtige, lobenswerte und häufig schwierige Doping-Bekämpfung über ihr Ziel hinausschießen könnte.  Dieser Blog-Eintrag mag dann geholfen haben, ein wenig notwendige Interdisziplinarität herzustellen.<br />
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<pubDate>Wed, 15 Jul 2009 14:38:00 +0200</pubDate>
<dc:creator>huhlig</dc:creator>
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